Pi, Rüde geb. 2018
Rüde | geb. 2018 | ca. 50 cm | ca. 24 kg | aus Rumänien
Pi – wenn man nie gelernt hat, dass Menschen etwas Gutes bedeuten können
Pi ist kein Hund, der freudestrahlend auf Menschen zuläuft. Kein Hund, der sich sofort Streicheleinheiten abholt oder erwartungsvoll vor einem steht, wenn die Leine in die Hand genommen wird. Pi ist leise. Sehr leise. Drei Jahre seines Lebens verbrachte er in einem städtischen Tierheim in Rumänien. Jahre, in denen ihm etwas Entscheidendes fehlte: ein verlässlicher, positiver Bezug zum Menschen. Durch sein isoliertes Aufwachsen und die fehlende Sozialisierung mit Menschen hat Pi nie wirklich gelernt, dass wir Sicherheit, Nähe und Geborgenheit bedeuten können.
Bei ihm sprechen wir von einer Form der erlernten Hilflosigkeit. Vereinfacht bedeutet das: Ein Lebewesen erlebt über längere Zeit, dass es Situationen weder beeinflussen noch ihnen entkommen kann. Irgendwann hört es auf, aktiv nach Lösungen zu suchen. Statt Flucht, Gegenwehr oder eigenständigem Handeln entsteht ein stilles „Aushalten“. Und genau dieses stille Aushalten darf bei Pi nicht mit Entspannung verwechselt werden. Wenn ihm eine Situation zu viel wird oder er sich bedrängt fühlt, wird er nicht aggressiv. Pi ist kein Angstbeißer. Stattdessen kann es passieren, dass er unter sich uriniert. Das ist keine Unsauberkeit – denn Pi war bei uns vom ersten Tag an stubenrein – sondern Ausdruck seiner Überforderung und Angst.
Trotz seiner Vergangenheit zeigt Pi bereits, wie viel Entwicklung möglich ist, wenn man ihn nicht überfordert. Er läuft inzwischen angenehm an der Leine. Auch im häuslichen Umfeld hat er gelernt, sich führen zu lassen: Nimmt man seine Hausleine ruhig in die Hand, folgt er mit. Er lebt aktuell harmonisch in einer Gemeinschaft von insgesamt fünf Hunden und fällt dort beinahe nicht auf. Pi ist ruhig, unaufdringlich und macht sich lieber „unsichtbar“, als irgendwo im Mittelpunkt zu stehen. Andere Hunde sind für Pi deshalb keine nette Zugabe, sondern ein wichtiger Bestandteil seines zukünftigen Lebens.
Wir suchen für ihn zwingend eine Pflegestelle oder einen Endplatz mit mindestens einem souveränen, sozialen Hund, gern auch mit mehreren Hunden. An ihnen kann Pi sich orientieren, ihre Körpersprache versteht er – und sie können ihm eine Sicherheit vermitteln, die ein Mensch allein momentan noch nicht ersetzen kann.
Und trotzdem gibt es diese kleinen Momente, die zeigen, dass Pi längst angefangen hat, vorsichtig neue Erfahrungen zu sammeln. Er schläft inzwischen sogar neben seiner Pflegerin im Bett. Dort lässt er sich auch streicheln. Noch genießt er Berührungen nicht so, wie wir es von vielen anderen Hunden kennen. Streicheln ist für ihn bisher nichts, was er aktiv sucht oder als besonders schön empfindet. Aber er kann Nähe mittlerweile zulassen. Für einen Hund wie Pi ist das ein großer Schritt.
Seine zukünftigen Menschen müssen deshalb bereit sein, Erwartungen loszulassen. Pi braucht niemanden, der ständig versucht, ihn anzufassen, hervorzulocken oder mit vermeintlich gut gemeinter Zuwendung zu überschütten. Er braucht Menschen, die ihm einen verlässlichen Alltag geben, ihn freundlich und ruhig führen und gleichzeitig akzeptieren können, dass Vertrauen bei ihm nicht in Tagen oder Wochen entstehen muss. Vielleicht sind es ruhige, geduldige Menschen oder Rentner, deren Alltag überschaubar und beständig ist. Wichtig ist vor allem eine ruhige Wohnlage mit möglichst wenig Trubel und wechselnden Reizen. Für Pi kommt ausschließlich Wohnungshaltung infrage. Ein Leben mit freiem Zugang zum Garten wäre aufgrund seines ausgeprägten und sehr erfinderischen Fluchtverhaltens ein zu großes Risiko. Sicherheit hat bei ihm oberste Priorität. Mit Katzen kann Pi zusammenleben. Kinder sehen wir aufgrund seiner Ängste und seines großen Bedürfnisses nach Ruhe eher nicht in seinem zukünftigen Zuhause. Pi sucht keinen Platz, an dem innerhalb weniger Wochen aus ihm ein „normaler Familienhund“ werden soll. Er sucht Menschen, die einen Hund lieben können, ohne von ihm sofort etwas zurückzuverlangen. Menschen, die sich darüber freuen können, wenn er irgendwann freiwillig etwas näher kommt. Wenn aus bloßem Aushalten langsam echtes Entspannen wird. Wenn eine Berührung irgendwann vielleicht nicht mehr nur akzeptiert, sondern sogar genossen wird. Und vielleicht wird Pi nie der Hund sein, der jedem Besucher begeistert entgegenläuft. Das muss er auch nicht. Sein Ziel ist nicht, ein anderer Hund zu werden. Sein Ziel ist, endlich lernen zu dürfen, dass er Entscheidungen treffen kann, dass Menschen berechenbar sein können – und dass sein Leben nicht mehr nur daraus besteht, irgendwie durchzuhalten.
Für Pi suchen wir deshalb diesen einen besonderen Platz, an dem niemand auf die Uhr schaut und fragt, wann er endlich Vertrauen fasst. Sondern einen Platz, an dem man ihm sagt: Du hast alle Zeit, die du brauchst.
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